Filter einfahren

Erst muss man den Filter einfahren. Das ist ein alter Hut. Trotzdem werden in diesem Zusammenhang immer wieder die gleichen Fehler begangen. Oft hat der ausführende Aquarianer nur vage Vorstellungen, was sich hinter diesem Vorgang verbirgt. Auch über die grundlegende Funktionsweise eines Filters bestehen oft nur unzureichende Kenntnisse. In diesem Text sollen keine Betrachtungen über verschiedene Konzepte, Bauformen oder Substrate geführt werden. Es geht einzig um die Grundlagen eines biologischen Filters und dessen Einfahrvorgang.

Themen:

1. Warum ist ein Filter eigentlich kein Filter?
2. Wo kommen die Bakterien her?
3. Wie siedeln wir die Bakterien ausgerechnet im Filter an?
4. Warum den Filter überhaupt einfahren?
5. Fährt der Filter auch von alleine ein?
6. Wie füttert man die Filterbakterien?
7. Kann man die Einfahrzeit verkürzen?
8. Können Filterbakterien auch absterben?
9. Werden Filterbakterien durch UV-C getötet?

1. Warum ist ein Filter eigentlich kein Filter?

Ein Filter ist eigentlich ein Konstrukt, mit dem man eine Sache aus irgend einem Medium rausholen kann. Das zu filternde Objekt wird dabei ersatzlos zurückgehalten. Das ist die Funktionalität eines Kaffeefilters, der rein mechanisch das Kaffeepulver zurückhält, die Flüssigkeit jedoch passieren lässt.

Würde ein Aquarienfilter rein mechanisch agieren und nur die Schwebeteilchen festhalten, dann wäre er tatsächlich ein Filter im technischen Sinne. In Wirklichkeit werden unsere Aquarienfilter von unzähligen Bakterien besiedelt, welche die festgehaltenen Partikel, aber auch die im Wasser gelösten Substanzen fressen und damit abbauen. In Wahrheit sind es also keine Filter sondern Bioreaktoren. Genau da liegt der Unterschied. Ein Filter erreicht irgendwann die Grenze seiner Aufnahmekapazität und muss getauscht (erneuert) werden. Ein überlegt dimensioniert und betriebener Bioreaktor ist quasi selbst regenerierend und läuft viele Jahre völlig wartungsfrei.

Trotzdem werde ich im weiteren Verlauf dieses Textes wieder die Bezeichnung “Filter” verwenden. Es hat sich einfach im allgemeinen Sprachgebrauch so eingebürgert.

Dass auch viele Aquarienfilter in gewissen Intervallen gereinigt werden müssen, ist der Tatsache geschuldet, dass die angeströmte Fläche und die Durchflußgeschwindigkeit meist in einem krassen Missverhältnis zueinander stehen. Je höher die Strömungsgeschwindigkeit in einem Filter ist, desto mehr mutiert dieser in einen überwiegend mechanisch agierenden Schnellfilter. Da in diesem Fall nur noch ein ungenügend geringer biologischer Abbau möglich ist, neigt diese Variante zum Verstopfen. Je nach Besatzdichte passiert das früher oder später.

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2. Wo kommen die Bakterien her?

Ganz einfach: Die sind schon da. Bakterien befinden sich praktisch überall. Sie sitzen auf Oberflächen, schwimmen im Wasser und manchmal wirbeln sie sogar durch die Luft. Wenn wir ein neues Aquarium einrichten, dann sind vom ersten Moment an auch Bakterien darin, noch bevor das Wasser reinkommt. Das ist gar nicht schlimm. Denn diese Bakterien werden sich erst vermehren, wenn sie Nahrung finden. Und dann auch nicht alle, denn die meisten Bakterien sind Spezialisten, also auf bestimmte Substanzen als Nahrung festgelegt. Wenn wir die “richtige” Nahrung dazugeben, dann vermehren sich auch die “richtigen” Bakterien. Alles ganz einfach. Diese Methode ist die billigste und gleichzeitig die sicherste.

Manchen geht das zu langsam. Sie wollen nicht warten, bis sich eine genügende Anzahl Bakterien angesiedelt hat. Die Lösung ist naheliegend: Ein bereits eingefahrener Filter eines anderen Aquariums dient als Organspender. Dazu kippt man einfach einen guten Schluck des Filterschlamms in das neue Becken und sofort sind jede Menge Bakterien einsatzbereit.

Leider hat dieses Verfahren einen tückischen Haken. Es gibt keine Einreisekontrolle für die Mikrobiologie. Mit dem Filterschlamm des Spenderaquariums bekommt man nicht nur Filterbakterien, sondern auch alle anderen Sorten Einzeller, auch Krankheitserreger und Parasiten können dabei sein. So mancher Aquarianer hat sich schon gewundert, dass sein neu eingerichtetes Aquarium gleich nach dem Erstbesatz von Krankheitsfällen heimgesucht wurde. Daher ist diese Vorgehensweise zwar die schnellste, aber auch die schlechteste von allen.

Zum Glück für die Ungeduldigen hat sich die Zubehörindustrie dieser Problematik angenommen. Inzwischen werden in jedem Aquaristikgeschäft einsatzbereite Filterbakterien im Glas angeboten. Auch bei diesem Verfahren sollte man nach Möglichkeit zwei, drei Tage warten, damit die Instant-Bakterien sich an dem Platz mit dem besten Futterangebot ansiedeln, im Filter nämlich. Diese Methode ist relativ sicher, aber dafür teurer als die anderen.

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3. Wie siedeln wir die Bakterien ausgerechnet im Filter an?

Natürlich ist der Filter der Ort, an dem wir die Bakterien haben wollen. Dort sammeln sich Schwebeteilchen, die abgebaut werden sollen. Auch das Wasser, aus dem gelöste Substanzen zersetzt werden sollen, wird dort durchgepumpt. Und genau das ist der Schlüssel. Bakterien sammeln sich immer dort, wo es Futter gibt. Eigentlich kann man das gar nicht verhindern.

Die Filterwatte oder der Filterschaum ist der optimale Ort zum Ansiedeln. Je feiner, desto größere Oberfläche, desto mehr Platz für Bakterien, desto besser. Dort wird wegen des Futterangebots die höchste Vermehrungsrate erzielt. Das wiederum hat eine hohe Abbaurate der angelieferten Nahrung zur Folge. Der Filter beginnt zu arbeiten.

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4. Warum den Filter überhaupt einfahren?

Nicht alle Bakterien vermehren sich gleich schnell. Manchmal ist am Anfang auch noch nicht für jede Art das passende Futter in ausreichender Menge vorhanden. Daher dauert es bei manchen Arten eine Weile, bis die notwendige Populationsdichte erreicht ist. Diesen Zeitraum, in dem die Populationen auf ihre “Betriebsstärke” hochgefahren werden, nennt man Einfahrphase. So lange diese Phase andauert, werden manche Substanzen noch ungenügend abgebaut, was zu unangenehmen Konzentrationsanstiegen führen kann. Das Paradebeispiel dafür ist Nitrit (NO2), dessen vorübergehende Aufkonzentrierung (Nitritpeak) als Indikator für die Bakterientätigkeit genommen wird.

Wenn die Nitritkonzentration wieder auf einen Wert von idealerweise Null gesunken ist, kann man davon ausgehen, dass die wichtigsten Filterbakterien ihre notwendige Populationsdichte erreicht haben. Erst jetzt kann der Filter die Stoffwechselprodukte unserer Fische verarbeiten, ohne dabei toxische Substanzen zu produzieren. Eine der Hauptfunktionen eines Filters, nämlich die Stickstoffumsetzung, wird in einem separaten Text dargelegt.

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5. Fährt der Filter auch von alleine ein?

Nein. Zumindest nicht in einem frisch eingerichteten Aquarium. Wie sollte er auch? Die Bakterien brauchen Futter. Ohne Futter keine Vermehrung. Das Futter müssen wir ihnen geben. Ein frisch eingerichtetes Aquarium bietet einfach nicht genug Nahrungsquellen für die Bakterien um eine nennenswerte Population aufzubauen.

Leider gibt es immer wieder Aquarianer, die das Aquarium einrichten, den Filter anschließen und – warten! Nach ein bis zwei Wochen sind sie dann der Meinung, das Aquarium wäre “eingefahren” und setzen die Fische ein. Es kommt, wie es kommen muss: Die Bakterien kriegen Futter, beginnen sich zu vermehren, dann steigt die Nitritkonzentration an. Jetzt hängt es von den spezifischen Umständen im Becken ab. Im günstigsten Fall bleibt die Nitritkonzentration unter der Unbedenklichkeitsgrenze. Im ungünstigsten Fall kann sie tödliche Höhen erreichen.

Schlussfolgerung: Nur mit einer ausreichenden Menge Bakterienfutter wird der Filter einfahren.

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6. Wie füttert man die Filterbakterien?

Weil der Stickstoffumsatz eine der Hauptaufgaben ist, bietet es sich an, ein stickstoffhaltiges Bakterienfutter zu verabreichen. Das bedeutet nichts anderes als proteinreiches Futter. Dafür eignet sich ganz normales Flocken- oder Tablettenfutter für Fleischfresser. Das Trockenfutter wird in einem Glas Wasser eingeweicht, gründlich verrührt und ins Becken gekippt. Den Bakterien ist es nicht so wichtig, ob das Futter vorher durch den Fisch gegangen ist.

Eine andere Methode ist die Filterfütterung mit Milch. Der Vorteil liegt in der bequemen Dosierbarkeit. Eine einmalig zugegebene Menge von 20 bis 30 ml pro 100 Liter hat sich bewährt. Milch enthält eine hervorragend geeignete Mischung aus gut abbaubaren Proteinen, Fetten und Kohlehydraten. Ideal für Filterbakterien.

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7. Kann man die Einfahrzeit verkürzen?
Selbst angemischte NaNO<sub>2</sub>-Lösung
Selbst angemischte NaNO2-Lösung

Natürlich besteht die Möglichkeit externe Bakterien in Form von Filterschlamm oder Starterbakterien einzubringen. Ist die Menge der Einwanderer groß genug, dann ist es möglich auf eine Einlaufzeit zu verzichten und den Besatz sofort vorzunehmen. Trotzdem kommt man nicht umhin, während der ersten Zeit die Nitritkonzentration zu überwachen. Die eingebrachten Bakterien sind nämlich anfänglich überall präsent und müssen sich erst noch auf dem Filtermaterial einnisten und dort ihren Populationsschwerpunkt einrichten.

Aber auch, wenn man sein Aquarium ohne Fremdkeime einfahren möchte, gibt es Beschleunigungsmöglichkeiten. Zum einen wäre das über die Temperatur. Je wärmer das Wasser, desto höher ist die Vermehrungsrate der Einzeller. In einem unbepflanzten Aquarium kann man während der Einlaufzeit problemlos Temperaturen von 32-34°C einstellen. Sind Pflanzen vorhanden, orientiert sich die maximal mögliche Temperatur an den eingesetzten Arten. Natürlich wird vor dem Einsetzen der Fische die Temperatur wieder auf das Optimum der Schuppenträger reduziert.

Tipp:

Eine weitere Beschleunigungsmöglichkeit ist das “Vorziehen” des Nitritpeaks. Der resultiert nämlich aus der Tatsache, dass die Nitrobacter erst mit ihrer Arbeit (und Vermehrung) beginnen, wenn die Nitrosomonas eine nennenswerte Menge Nitrit gebildet haben, was meist etwa eine Woche dauert. Also muss man die Bedingungen schaffen, dass die Nitrobacter sofort Futter vorfinden und loslegen können. Das ist gar nicht schwer. Es reicht völlig, etwas Natriumnitrit (NaNO2) ins Aquarium zu geben. Ich habe mir eine Lösung von 15 g NaNO2 in einem Liter Wasser angesetzt. Davon dosiere ich einen Milliliter auf 10 Liter Aquarienwasser um eine Nitritkonzentration von 1 mg/l zu erhalten. Das genügt. Mit diesem kleinen Kunstgriff beginnt man die Einlaufphase praktisch mitten auf dem Nitritpeak und verkürzt sie um etwa eine Woche.

Obwohl es selbstverständlich scheint, weise ich ausdrücklich darauf hin, dass während der Nitritzugabe keine Fische im Aquarium sein dürfen. Der Besatz darf erst erfolgen, wenn das Nitrit abgebaut wurde.

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8. Können Filterbakterien auch absterben?

Glücklicherweise kann man sich darauf verlassen, dass diese Situation nicht von alleine eintritt. Im normalen Betrieb eines Aquarienfilters ist die Vermehrungsrate groß genug, um mit schwankenden Futterbedingungen fertig zu werden. Die Bakterien sind ohnehin, was Temperatur und Wasserwerte betrifft, mit einem wesentlich weiterem Toleranzbereich gesegnet als unsere Fische.

Ganz anders sieht es beim Einsatz von Medikamenten aus. Hier gibt es viele bakterizid wirkende Präparate. Am bekanntesten sind Antibiotika. Mit solchen Medikamenten kann man durchaus einen Filter entvölkern. Nach dem Absetzen des Präparates (und dem Entfernen mit Aktivkohle) wird der Filter wieder neu besiedelt. Allerdings ist das dann praktisch eine neue Einfahrphase und es wird sehr wahrscheinlich ein Nitritpeak auftreten. Daher muss auch nach Medikamenteneinsatz immer eine Zeitlang die Nitritkonzentration gemessen werden. Anderenfalls sterben die frisch genesenen Fische an einer Nitritvergiftung.

Es empfiehlt sich daher, die Medikation in einem separaten Therapiebecken vorzunehmen, und nach Absetzen des Präparates den Filter mit Schlamm aus dem Heimataquarium der Fische wieder kräftig anzuimpfen. Hierfür ist ein Quarantäneaquarium bestens geeignet.

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9. Werden Filterbakterien durch UV-C getötet?

Nein. Wie denn auch? Die Strahlung kann den UV-C Klärer nicht verlassen. Genau betrachtet unterstützt ein UV-C Klärer die im Filter angesiedelten Bakterien, weil er ihre frei im Wasser herumtreibenden Nahrungskonkurrenten abtötet. Die im Filter angesiedelten Bakterien haben dadurch nicht nur mehr Nahrung für sich, sie fressen auch die Kadaver der freischwimmenden Einzeller. Entsprechend gut vermehren sie sich. Aus diesem Grund kann man in stark besetzten Becken manchmal eine kräftige Schleimbildung auf dem Filtersubstrat beobachten. Dieser Schleim ist nichts anderes als eine dicke Bakterienschicht. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Einsatz eines UV-C Klärers in einem eingefahrenen Aquarium für die Filterbakterien eher einen Vorteil darstellt.

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Für Anregungen und inhaltliche Wünsche zu diesem Text bin ich dankbar.
Ich habe versucht, die Zusammenhänge allgemeinverständlich zu formulieren.
Falls dennoch Klärungsbedarf besteht, werde ich dem gerne nachkommen.

 

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Letzte Änderung: 14. Dezember 2018

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